100 Soziale Innovationen – 4. Sozialpolitik

100 Soziale Innovationen aus Finnland

In diesem, dem vorletzten Beitrag zu 100 soziale Innovationen, geht es um die Sozialpolitik. Finnland ist ein Land, in dem es kaum soziale Konflikte gibt, dank einer klugen, langfristigen Sozialpolitik und auch auf Grund der Tatsache, dass es das Land in Europa ist, in dem es die geringste Einkommensunterschiede gibt

 

 

4. Sozialpolitik

Finnland gehört zu den Ländern mit den geringsten sozialen Unterschieden. Es gibt die Auffassung, dass dies ein andauerndes Erbe aus dem Bürgerkrieg ist, wo nach dem Sieg der weißen Truppen versucht wurde, durch eine anhaltende und relativ kluge Versöhnungspolitik die Gräben in der Bevölkerung (die teilweise heute immer noch existieren) zu beseitigen.

Sozialer Wohnungsbau

Nach dem Krieg gab es vor allem auch durch den Zuzug in die Städte einen akuten Mangel an Wohnraum. In Finnland gibt es traditionell mehr Wohneigentum als Mietwohnungen, und so richteten sich die Anstrengungen von Wohnungsbauprogrammen nach dem Krieg vor allem darauf, auch Menschen mit mittlerem oder geringerem Einkommen in die Lage versetzen zu können, Wohneigentum zu erwerben. Nach dem Krieg war es sehr schwer, Kredite zu bekommen, deshalb wurde 1949 das ARAVA-Programm gegründet. Die Mittel kamen anfangs aus dem Staatshaushalt, wurden dann aber ab den 1960er-Jahren vom Finanzmarkt vergeben. Der Gedanke war, die Bürger zum Sparen anzuregen, in dem sie ihr Vermögen (so vorhanden) in Wohnungseigentum anlegten. Die sollte auch der Stärkung der Volkswirtschaft zugute kommen.

Grundgedanke war, dass ein Kredit zu angemessenen Zinsen notwendig ist, damit die Eigenbelastung der Bürger nicht zu hoch ist und auch Menschen mit mittlerem und geringerem Einkommen in die Lage versetzt würden, sich eine Eigentumswohnung leisten zu können. Der Anteil der Eigentumswohnungen am Wohnungsmarkt stieg schnell auf 70 Prozent, und Hunderttausende finnische Bürger konnten so Eigentum erwerben.

Beim ARAVA ging es nicht nur darum, den Erwerb von Wohnungseigentum zu erleichtern, sondern auch um die Kosten- und Qualitätskontrolle – auf diese Weise entstanden gerade in den 50er und 60-er Jahren Wohnungen, die an architektonischer Modernität und Qualität zukunftsweisend waren.

Die neuen Wohngebiete sollten immer auch eine vielseitige soziale Struktur und Bauweise enthalten. So sollten immer auch unterschiedliche Haustypen gebaut werden, Einfamilienhäuser und Mehrfamilienhäuser mit maximal 4 Stockwerken.

In den 50er und 60er-Jahren entstanden vorzugsweise Eigentumswohnungen. Zu Beginn der 70er-Jahre wurden dann, bedingt durch den gesellschaftlichen Strukturwandel, vermehrt Mietwohnungen gebaut, dabei wurde darauf geachtet, dass in den Baugebieten immer Eigentums- und Mietwohnungen vorhanden waren.

Bemerkenswert war der Einbau von Maßnahmen, die Wohnungsspekulation unterbinden sollten. So durfte eine Wohnung vom Eigentümer grundsätzlich nur an die Kommune oder an einen von der Kommune zugewiesenen Käufer zu einem vorher regulierten Preis verkauft werden. Hier wurde die Änderung des Geldwerts berücksichtigt, aber keine anderen Wertsteigerungen.

Durch dieses Verfahren wurde jegliche Art von Schwarzgeldzahlung unterbunden, und Immobilienspekulation ausgeschlossen

In den Jahren 1949 bis 2005 wurden mit Hilfe des ARAVA-Systems 950.000 Wohnungen gebaut und ca. 250.000 instandgesetzt.. Über 60% der Wohnungen sind im Besitz der Kommunen, der Rest im Besitz verschiedener gemeinnütziger Organisationen.

Keine Slums

Ausländer fragen oft, warum es in Helsinki keine Slums gibt. Zunächst einmal hat dies mit den vergleichsweise geringen Einkommensunterschieden in Finnland zu tun, und mit einem hoch entwickelten Sozialstaat. Aber wirksam war auch die Wohnungsbaupolitik der Stadt Helsinki.

Die Stadt ist Eigentümerin von 70% ihres Gebiets. Somit kann eine bewusste Wohnungsbaupolitik umgesetzt werden.

In den vergangenen 70 Jahren war die Wohnungsbaupolitik sehr sozial ausgerichtet, d.h. man geht davon aus, dass neue Wohngebiete immer Wohnungen für alle sozialen Klassen bereitstellen muss. Reich und Arm wohnen gleichberechtigt nebeneinander, und es gibt keinen qualitativen Unterschied zwischen den Häusern.

Das Prinzip dieser sozialen Mischung kann durchaus als soziale Innovation verstanden werden, eine Ungleichheit aufgrund des Wohnorts kann leicht zu sozialer Ausgrenzung führen, und dem konnte bisher erfolgreich ein Riegel vorgeschoben werden.

Die Y-Stiftung

Die Y-Stiftung leistet konkrete Arbeit zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit. Die 1985 gegründete Stiftung bietet Obdachlosen und Flüchtlingen Wohnungen an. Gründungsstifter sind die Finnische Gesellschaft für Psychiatrie, das Finnische Rote Kreuz, das Amt der Evangelischen Lutherischen Kirche, der Verband der Bauindustrie, die Baugewerkschaft, der Verband der Finnischen Gemeinden, Städte und Regionen, die Städte Helsinki, Espoo, Vantaa, Tampere und Turku, sowie das Alkoholmonopol ALKO.

Die Y-Stiftung kauft in Mehrfamilienhäusern Einzimmerwohnungen an und vermietet sie. Diese Wohnungen sind über die ganze Stadt verteilt. Das zentrale Ziel der Y-Stiftung besteht darin, dauerhafte Wohnungen anstelle von Übergangswohnungen und Wohnheimen anzubieten. So wird auch soziale Segregation verhindert.

Finnland hatte 1987 fast 20.000 Obdachlose. Heute liegt diese Zahl bei ca.

Die Y-Stiftung beteiligt sich an internationalen Netzwerken, zum Beispiel bei Programmen der UN oder der EU.

Betreutes Wohnen

Anfang der 1980er-Jahre zählte Finnland weltweit zu den Ländern mit den meisten Pflegeheimen, ging dann aber konsequent zu einer ambulanten Versorgung über. Zunächst betraf das schwerpunktmäßig die Senioren, die unter 65-jährigen oder Menschen mit Behinderungen gerieten zunächst in Vergessenheit. Sie wohnten größtenteils in schlecht ausgestatteten Wohnheimen.

Ab 1988 bis spätestens1992 wurden die Wohnverhältnisse von Schwerbehinderten verbessert, dies betraf auch weitere Gruppen.

Vom betreten Wohnen profitieren heute im Wesentlichen drei Gruppen:

  1. Etwa 10% der allein lebenden psychisch Kranken kommen nicht ohne Hilfe zurecht.

  1. Einige Tausende Personen konnten aus Heimen entlassen werden und können ein normales Leben zu wesentlich geringeren Kosten führen.

  1. Ca. 70.000 Menschen leben mit betagten Angehörigen zusammen. Viele von ihnen kommen alleine nicht zurecht.

Die menschenwürdige Unterbringung von psychisch Kranken, Alkoholikern, ehemaligen Strafgefangenen und anderen schwierigen Gruppen ist nach wie vor ein Problem und stellt das Land, vor allem die Kommunen, vor große Aufgaben.

Stellung der Roma

Die Roma kamen Ende des 16. Jahrhunderts aus Schweden und Russland nach Finnland. Auch hier wurden sie als fremd empfunden und wurden diskriminiert. Nach dem 1637 in Kraft getretenen Gesetz über die Tötung durch den Strang durften Roma gehängt werden, wenn sie sich der Verbannung widersetzten. Im 17. Jahrhundert kümmerte sich die Kirche um die Roma, begann mit der Registrierung und verbesserte ihre Lebenssituation. Sie sollten getauft und damit besser integriert werden. Alle heimatlosen „Streuner“ wurden in Arbeitslager gesperrt und später in die Strafanstalt nach Hämeenlinna gebracht. Ein um 1900 entstandenes Gesetz empfahl die vollständige Integration de Roma in die Bevölkerung, sie wurden gewissermaßen als Kinder betrachtet, die man erziehen und kontrollieren musste.

Ab 1953 befasste sich der Staat mit der „Zigeunerfrage“. Es gab zunächst ein „Zigeunerkomitee“, später einen Ausschuss für „Zigeunerfragen“ (heute: Beratungsausschuss für Romafragen).

Im Rahmen einer Radikalisierung in den 60er-Jahrenentickelte sich eine Bewegung, die die Diskriminierung der Roma zum Thema machte und für die Roma Partei ergriff. In dem 1967 erschienenen Buch „Pakkoauttaja“ (Zwangshelfer) wurde erstmalig über die Lage der Roma und ihre Diskriminierung öffentlich diskutiert. In der Folge konnten die Roma auch einen eigenen Vertreter für das Beratungskomitee benennen. Die Romafrage schlug sich dann letztlich als Wohnungsfrage nieder, und so war es notwendig, die Wohnverhältnisse der Roma auf den gleichen Stand zu bringen wie den der übrigen Bevölkerung. Dies schlug sich in einem Sonderwohngesetz 1975 nieder, das eine Sonderfinanzierung beinhaltete. Im Sinne einer Verbesserung war dieses Gesetz jedoch nur begrenzt wirksam.

Ein entscheidender Wandel in der Denkweise schlug sich im Bericht des Grundrechtekomitees im Jahr 1992 nieder, und eine Grundrechtereform der finnischen Verfassung trat 1995 in Kraft: Es verbietet jegliche Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Herkunft, Sprache, Glaube, Überzeugung, Meinung, Gesundheit, Behinderung oder eines anderen personenbezogenen Grunds. Dabei bezieht sich Herkunft sowohl auf Rasse als auch Hautfarbe.

Im Gesetz heißt es: „Die Sami als Ureinwohnervolk sowie die Roma und andere Gruppen haben das recht, ihre Sprache und Kultur zu pflegen und weiterzuentwickeln“.

Die Muttersprache wird als besonders wichtig eingeschätzt, so haben Schüler, die Samisch, Romani oder auch Gebärdensprache oder eine andere Sprache sprechen, das Recht, mindestens zwei Unterrichtsstunden pro Woche in ihrer Muttersprache zu erhalten.

Heute genießen die Roma in Finnland alle staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten. Sie sind damit auch im eigenen Selbstverständnis sowohl Finnen als auch Roma. Die meisten von ihnen wohnen in Städten und haben einen festen Wohnsitz. Dennoch sind Bildungsstand und wirtschaftliche und soziale Lage der Roma immer noch schlechter als der Durchschnitt. Und Diskriminierung gibt es immer noch. Es gibt noch viel zu tun.

Warmes und kostenfreies Schulessen

In Finnland bekommen die Schüler aller Schularten täglich ein kostenfreies warmes Mittagessen. Diese Praxis geht auf eine über 100-jährige gesetzliche Regelung zurück.

Damit wird sichergestellt, dass alle Schüler an jedem Schultag eine vollwertige warme Mahlzeit erhalten. Die finnische Schulspeisung ist vielseitig und ausgewogen, und sie berücksichtigt altersgemäße und entwicklungsfördernde Aspekte.

Anders als meist kolportiert ist die finnische Schule keine Ganztagsschule, demnach ist das Mittagessen auch keine notwendig Maßnahme, damit die Kinder den Ganztag überstehen, sondern die Schulspeisung erfolgt aus ausschließlich sozialen und gesundheitlichen Erwägungen. Eine Rolle spielt inzwischen auch die Tatsache, dass zunehmend viele Kinder an Übergewicht leiden. Dies soll bei der Gestaltung der Schulspeisung inzwischen auch eine wichtige Rolle spielen.

100 Soziale Innovationen – 3. Hi-Tech

Im vorigen Beitrag gingen wir auf das Thema „Bildung“ ein.

Hier geht es um den Bereich, mit dem Finnland seit Jahren weltweit an der Spitze ist. Es ist das Thema Hi-Tech.

Viele kennen das Betriebssystem Linux, das in den 70er-Jahren von Linux Thorwald aus der Taufe gehoben wurde. Die Handys von Nokia waren einmal Marktführer, aber fast niemand weiß, dass auch die SMS in Finnland „erfunden“ wurde.

 

 

 

 

3. Hi-Tech

Das Betriebssystem Linux

1990 begann der 21-jährige Linus Thorwald damit, den Kern eines eigenen Betriebssystems zu entwickeln. Damals konnte er sich wohl kaum vorstellen, dass er damit unter anderem Microsoft, den größten Softwarehersteller der Welt, herausfordern würde.

Mit der Freigabe des Quellcodes war der Erfolg vorgezeichnet. Es gab ein riesiges Feedback, und bald arbeiteten Tausende von Entwicklern in 90 Ländern, freiwillig, unentgeltlich und vernetzt an diesem Projekt. Natürlich gibt es inzwischen auch Hersteller, die kommerzielle Software für Linux-Systeme verkaufen.

Dabei ist zu verstehen, dass das kein rein technisches, sondern vorwiegend auch soziales Projekt ist: Zum ersten Mal hat auf diese Weise eine demokratische Öffentlichkeit einen so großen Erfolg auf einem primär kommerziellen Feld erreicht.

In der kommerziellen Softwareentwicklung ist normalerweise der Quellcode als Betriebsgeheimnis geschützt. Anders bei Linux: Hier ist der Quellcode öffentlich zugänglich, und Tausende von Nutzern haben die Möglichkeit, jede Zeile zu überprüfen. Das ist die beste Qualitätsprüfung, die vorstellbar ist.

Anfang war das System noch etwas hakelig, und es war eher computeraffinen Personen vorbehalten, Linux erfolgreich zu nutzen. Aber inzwischen ist Linux „erwachsen“ geworden und verschiedene Zusammenstellungen („Distributionen“) werden weltweit erfolgreiche genutzt. Eine der erfolgreichsten und bedienerfreundlichen Distributionen ist Ubuntu oder von Ubuntu-Abkömmling Linux Mint. Diese und auch die vergangenen Ausgaben der LANDESNACHRICHTEN wurden übrigens auf einem Computer mit Linux Mint erstellt.

SMS

Schon früh konnten mobil bereits Textnachrichten über Pager verschickt werden, aber dazu mussten die Nutzer bei einem Operator anrufen und den Text diktieren. Eine Gruppe von Ingenieuren erkannte das Problem und machte sich daran, eine Lösung zu finden, die weniger umständlich war: So war es 1984 der Finne Matti Makkonen, der den Vorschlag machte, die beim Mobilfunknetz ungenutzten Kapazitäten zur geschützten Kommunikation zu nutzen. Im Jahr 1981 wurde eine Arbeitsgruppe von Ingenieuren aus den nordischen Ländern gegründet. In den Jahren 1982-1984 gab es dazu Konferenzen in Kopenhagen, dabei ging es unter anderem darum, wie die Tastatur eines kleinen Mobiltelefons für die Erstellung von Texten genutzt werden konnte – und es gab etliche systemtheoretische Probleme zu lösen. Niemand konnte sich damals vorstellen, welche Auswirkungen diese neue Technologie weltweit haben würde.

Die erste Version des endgültigen Standards wurde Anfang 1989 verabschiedet. Der ursprüngliche Konzeptvorschlag für einen Short Message Service (SMS) wurde 1984 erarbeitet und im Februar 1985 in die GSM-Standardisierung eingebracht. Von 1990 bis 2009 wurde der SMS-Standard weiterentwickelt.

Am 3. Dezember 1992 schickte der Ingenieur Neil Papworth die erste Kurzmitteilung des Short Message Service (mit dem Text »Merry Christmas«) von einem PC an ein Mobiltelefon im britischen Vodafone-Netz.

Inzwischen haben andere Kurznachrichtendienste SMS weitgehend abgelöst, so zum Beispiel WhatsApp, das in Estland entwickelt und inzwischen an Microsoft verkauft wurde. Ein Schweizer Startup entwickelte Threema, das vor allem auf Datenschutz großen Wert legt.

IRC (Internet Relay Chat)

Auch diese Chat-Software wurde in Finnland entwickelt, es entstand 1988 am Institut für Datenverarbeitung an der Universität Oulu, und zwar als Gruppenchat erst mal lokal (vergleichbar mit den Anfängen von Facebook) für die Universität Oulu. Das IRC verbreitete sich in Finnland an den Universitäten sehr schnell, allerdings war es an einigen Universitäten auch verboten, weil die Nutzer die Terminals teils stundenlang blockierten. Es war vor allem unter Computerfreaks beliebt, wurde aber inzwischen von anderen, komfortableren Produkten verdrängt, erfreut sich aber unter Eingeweihten immer noch größer Beliebtheit. Immerhin gibt es Hunderte von lokalen und weltweiten Netzen, und Millionen von Menschen nehmen immer noch an IRC teil.

IRC hat auch weltweit das Leben vieler Menschen beeinflusst. Viele haben über IRC einen neuen Lebenspartner gefunden. 1991 haben Bürger aus Israel und anderen Ländern mit IRC über den Golfkrieg berichtet.

Molotowcocktail

Wenige Wochen vor Ausbruch des Winterkriegs 1939 bestellte die finnische Armee beim staatlichen Alkoholkonzern ALKO leere Flaschen. Auf die Frage, wozu man die Flaschen benötigte, erklärte man, sie würden für die Herstellung von Brandflaschen benötigt, weil diese die einzige wirksame Abwehrwaffe gegen Panzer seien. Allerdings sei die Befüllung recht schwierig.

Was half, war die Tatsache, dass die Abfüllanlagen von ALKO praktisch ungenutzt waren: Der Alkoholverlauf war zum Erliegen gekommen, die Männer waren an der Front. Und so kam man auf die Idee, die Brandflaschen im ALKO-Werk Rajamäki zu befüllen. Als Bezeichnung diente der Name des damaligen Außenministers der Sowjetunion, Molotow. Die Füllung bestand aus einer Mischung von Alkohol (Spiritus), Benzin, Petroleum und Teer. Die passenden Zündhölzer, sog. Sturmhölzer wurden geliefert von fünf Streichholzfabriken, unter anderem der Fabrik in Pori.

Auf diese Weise wurde das Fehlen von wirksamer Panzerabwehrartillerie kompensiert. Die Brandflaschen wurden noch weiter verbessert, Während des Krieges wurde so die Hälfte der Panzer zerstört.

Insgesamt wurden 542.194 Brandflaschen hergestellt, von 80 Frauen und 5 Männern Als Konsequenz wurde die Fabrik in Rajamäki bombardiert.Die erste Brandflaschen wurde nämlich mit Korken verschlossen, mit der Aufschrift „Alko – Rajamäki“. Danach wurde auf die Aufschrift verzichtet.

 

100 Soziale Innovationen – 2. Bildung

Im letzten Beitrag gingen wir auf das Thema „Gesundheit“ ein.

Hier geht es um den Bereich, mit dem Finnland europa- und weltweit Furore gemacht hat. Es ist das Thema Bildung.

Bemerkenswert ist, dass es sich dabei nicht einfach nur um ein anderes, gerechteres Konzept handelt, sondern auch um eine grundsätzliche andere ethische Leitidee: „Wir können auf keinen verzichten“.

 

 

 

 

 

 

2. Bildung

Die finnische Gemeinschaftsschule

Mehr als einhundert Jahre hatten ihre Bildungsplaner den Traum einer umfassenden und einheitlichen Grundausbildung für einen kompletten Jahrgang, die Voraussetzungen für die Umsetzung ergaben sich erst in den 60er-Jahren: Zum einen erforderte die schnelle Industrialisierung gut ausgebildete Jugendliche, zum andern war es das Gebot gleicher Chancen für alle Jugendlichen.

Mitte der 60er-Jahre konzentrierten die linken Kräfte und Kokoomus (am besten übersetzbar als Sammlungspartei, entspricht am ehesten einer konservativen Partei) ihre politischen Kräfte auf die Realisierung einer einheitlichen Schulbildung. 1968 verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das jedem Kind und Jugendlichen, unabhängig von Wohnort oder Vermögen der Eltern, eine hochwertige neunjährige Schulbildung garantierte. Entscheidend war auch, dass eine gute Grundausbildung als zentrales Menschenrecht erachtet wurde. Eingeschlossen war damals schon, was heute als Inklusion bekannt ist: Die Reform garantierte auch jedem körperlich oder geistig behinderten jungen Menschen das Recht auf Weiterentwicklung. Die Yhteiskoulu (ursprünglich als Koedukationsschule konzipiert, heute am besten übersetzt als Gesamtschule oder Gemeinschaftsschule, im Begriff ist es eine Einheitsschule für alle) wurde so zu einer gemeinsamen Schule für jeden Jahrgang.

In Finnland gibt es keine Privatschulen für die Besserverdienenden, es gibt aber staatlich anerkannte Montessori- und Waldorfschulen auf privater Basis.

Dazu muss man verstehen, warum in Deutschland Inklusion nicht gelingen kann, denn die Voraussetzung für Inklusion ist eben, dass das Schulsystem von Grund auf nicht selektiv und segregativ ist. Das heißt auch, dass, wenn Inklusion in Deutschland gelingen soll, erst einmal ein einheitliches Schulsystem geschaffen werden muss, und zwar mindestens von Klasse 1 bis Klasse 9 oder 10, damit Inklusion überhaupt möglich ist. Segregation und Inklusion sind ein Widerspruch in sich.

Eine logische Folge war eine Reform der Lehrerausbildung. Es sollte überall, auch in dünn besiedelten Gebieten, hochqualifizierte Lehrer zur Verfügung stehen.

Die Gemeinschaftsschule ist heute das Flaggschiff eines hochwertigen Bildungssystems. Dass Finnland das Bildungssystem der DDR übernommen hat, ist eher eine Legende, aber angesichts der hervorragenden Beziehungen zwischen Finnland und der DDR kann es als sicher gelten, dass man sich das dortige Bildungssystem genau angesehen hat, und die frappierende Ähnlichkeit zwischen beiden Schulsystemen kommt von daher nicht von ungefähr.

Kostenfreie Bildung von der Gemeinschaftsschule bis zur Universität

Folgende Punkte charakterisieren das finnische Bildungssystem:

* kostenfreier Unterricht
* das Recht und Verpflichtung eines jeden Kindes und Jugendlichen auf Lernen und
Ausbildung (keine Schulpflicht in unserem Sinne)
* einheitliche Lehrpläne
* dezentrale Verwaltung auf kommunaler Ebene
* hohe Kompetenz der Lehrer
* flexible Ausbildungswege
* Zugang zu hochwertiger Grundausbildung, unabhängig vom Wohnort

Die finnische Gemeinschaftsschule hat allgemeinbildenden Charakter, mit 15 Jahren erfolgt normalerweise der Abschluss. Den Schülern wird der Übergang in die 3-klassige gymnasiale Oberstufe (Lukio) empfohlen, etwa 92% der Schüler entscheiden sich für diese Ausbildung. Denjenigen, die auf diese Möglichkeit verzichten, werden kostenfreie Schulungsalternativen angeboten. Auch das Lukio ist selbstverständlich kostenfrei.

Die berufliche Bildung ist qualitativ hochwertig und kostenfrei. Viele wechseln auch nach dem Lukio in einen beruflichen Bildungsgang: Das Abitur führt nicht wie bei uns „automatisch“ in eine Studium. Studium und Fachhochschulen sind grundsätzlich kostenfrei, Studiengebühren gibt es nicht.

Dezentrales Hochschulwesen

Bis weit in die 20er-Jahre ausschließlich auf den Raum Helsinki begrenzt. 1919 nahmen die schwedischsprachige Åbo Akademi, 1923 die Finnische Universität Turku ihre Arbeit auf. Seit 1959 existiert die Universität Oulu. Ab den 1960er Jahren wurden an vielen Orten Universitäten gegründet, und die Dezentralisierung des finnischen Hochschulwesens war wohl die schnellste und radikalste in Europa.

Wenn in letzter Zeit die „Zersplitterung“ des finnischen Hochschulwesens beklagt wird, dann spiegelt das wohl die engen Bedarfsanalysen der Wirtschaft wider. Es entspricht aber nicht den wirklichen Bedürfnissen der Bevölkerung.

Ausbildungsförderung

Seit 1969 gibt es in Finnland das Studiendarlehen mit Staatsbürgschaft. Ab 1972 gab es auch ein Studiengeld. Dieses Konzept hat sich als nicht so erfolgreich erwiesene und wurde 1977 in ein Wohngeld geändert. 1979 wurde ein finanzieller Zuschuss zum Mensaessen eingeführt., ab 1983 gab es eine Zinsbeihilfe zum Studiendarlehen.

Die letzten Änderungen der Ausbildungsförderung erfolgten 2004 und 2005. Heute kann ein Student eine maximale Förderung von 811 Euro im Monat gewährt bekommen, davon sind 252 Euro Wohngeld, 259 Euro Studiengeld und 300 Euro Darlehen.

Musikschulen und freie Bildungsarbeit

In Finnland wird sehr viel Wert gelegt auf die außerschulische musikalische und künstlerische Bildung, sowie auf die freie Bildungsarbeit. Die Teilnahme an diesen Angeboten wird als Menschenrecht erachtet und hoch subventioniert.

 

100 Soziale Innovationen – 1. Gesundheit

Als „Taschenbuch“ angekündigt, entpuppte sich dieses Buch als kleiner „Wälzer“ von fast 400 Seiten.

Wer eine kritische Darstellung Finnlands als Vorreiter in Europa erwartet hatte, mag zunächst enttäuscht sein. Das ganze liest sich zunächst wie ein „Das haben wir alles geschafft“ im Rahmen eines Wahlkampfs. Es wrid alles, wirklich alles aufgeführt, was an sozialen Innovationen nach dem Krieg in Finnland geschaffen worden ist, und vieles, aber nicht alles, ist heute auch bei uns selbstverständlich.

Spannend wird es aber dann doch, wenn die Beteiligten von ihren ganz persönlichen Erfahrungen bei der Vorbereitung und Durchsetzung ihrer Projekte berichten. Und dabei geht es eben nicht nur um das „das haben wir alles gemacht“, sondern um Ideen, Planungen, Widerstände und Erfolge. Ganz wichtig sind auch die persönlichen Motive und Erfahrungen der beteiligten Politiker. Angenehm ist, dass es dabei nicht um Parteipolitik geht, sondern um die Interessen der Menschen, für die und mit denen Politik gemacht wird, und um das Engagement von Politikern und Fachleute, die sinnvolle Konzepte im Interesse aller teilweise gegen massive Widerstände umgesetzt haben. Wir referieren an dieser Stelle Beiträge zu ausgewählten Themen.

 

 

1. Gesundheit

Gesundheitszentren und ähnliche Angebote

Wie bei uns stellt sich in Finnland schon früh die Sicherstellung einer grundlegenden medizinischen und präventiven Versorgung in der Fläche. Heute gibt es 275 kommunale Gesundheitszentren. Die Einwohner haben Anspruch auf unentgeltliche präventive und therapeutische Versorgung. In den Gesundheitszentren arbeiten Allgemeinmediziner, Pflegekräfte, Präventivkräfte, Zahnärzte, Psychologen und andere Fachkräfte zusammen. Außerdem gibt es Bettenstationen, Kurz- und Langzeitpflege.

Das System der Gesundheitszentren wurde 1972 gesetzlich verankert. Jede Gemeinde ist verpflichtet, diese Leistungen zur Verfügung zu stellen. Auf lokaler Ebene sollten Grundversorgung, stationäre Pflege und Behandlung miteinander verbunden werden. Das System wurde von jungen, engagierten Ärzten geplant, die erkannten, dass eine Gesundheitsversorgung vor allem in der Fläche von separaten Privatpraxen nicht sichergestellt werden kann.

Die ersten Zentren wurden als Pilotprojekte schon vor 1972 eingerichtet, und allmählich bildete sich ein Konzept der umfassenden medizinischen Grundversorgung heraus. Dies war vor allem für die Gebiete im Norden und Osten bedeutsam.

Als das Konzept Gesetzesform annehmen sollte, so berichtet Simo Kokko, Entwicklungsleiter des Staatlichen Gesundheitsinstituts, gab es massive Kritik, vor allem der niedergelassenen Ärzte, die sich durch die Konkurrenz behindert sahen. Andere vertraten die Auffassung, sie könnten ihre Tätigkeit nicht als Angestellte einer staatlichen Institution fortführen. Innerhalb der Zentren wurde ein „Hausarztsystem“ eingeführt, und nach wenigen Jahren hatten 75% der Patienten einen „Hausarzt“. Dies führte zu einer Verbesserung, da das System häufig als „unpersönlich“ empfunden wurde. Verbessert wurde auch die telefonische Erreichbarkeit der Zentren.

Kritisch zu sehen ist, dass die Inanspruchnahme der Gesundheitszentren mit langen Wartezeiten verbunden ist, und dass sich neben dem staatlichen System ein System von privaten Anbietern (teilweise mit Rechnungsadressen in Steueroasen) etabliert hat. Das finnische Gesundheitssystem gilt deshalb bei manchen als „sehr schlecht“. Wenn man den Kontrast zu den privaten Anbietern betrachtet (der bekannteste ist Mehiläinen), dann kommt man zu dem Schluss, dass sich das System der Gesundheitszentren bewährt hat, aber dass das staatliche System sehr viel besser ausgestattet werden muss, um mit den privaten Anbietern konkurrieren zu können.

In dem Artikel werden weitere gute Angebote der finnischen Gesundheitsversorgung erwähnt, wie die Stiftung der studentischen Krankenversorgung (YTHS), das Institut für Arbeitsmedizin, ein Projekt der Mütterberatung.

Verkehrssicherheit und Reduzierung der Unfalltoten.

Pekka Tarjanne, Verkehrsminister 1972-1975, berichtet aus seiner ganz persönlichen Erfahrungen – es ist bemerkenswert, dass sein Bericht unter dem Abschnitt „Gesundheit“ auftaucht.

Finnland war noch in den 60er-Jahren „Spitzenreiter“ bei Verkehrstoten und Verletzten, sozusagen „Schwarzes Schaf“ in Europa. Zu jener Zeit starben 1200 Menschen pro Jahr bei Verkehrsunfällen – was zeigt, dass eine dünne Besiedlung nicht unbedingt Verkehrssicherheit hervorbringen muss.

Damals sah man die Hauptursache im schlechten Zustand der Fahrzeuge, übermüdeten und alkoholisierten Fahrern, auch im schlechten Zustand der Straßen. Es musste etwas getan werden! Deshalb wurde 1972 ein Gremium für Verkehrssicherheit gegründet, das drastische Maßnahmen beschloss: Zunächst wurden umfassende straßenbezogene Geschwindigkeitsbeschränkungen eingeführt und gegen massive Widerstände eingeführt. Viel größere Widersprüche gab es gegen die Einführung der Gurtpflicht – zunächst auf den Vordersitzen. Tarjanne wurde wegen seiner „illiberalen Einstellung“ sogar vor den Strafgerichtshof zitiert. Er hatte dann die Idee, die Gegner in Krankenhäusern mit Verkehrsopfern fehlender Sicherheitsgurte zu konfrontieren. Daraufhin wurde das Gesetz mit klarer Mehrheit verabschiedet.

Die Maßnahmen waren:
* Allgemeine Geschwindigkeitsbeschränkungen

* Sicherheitsgurtpflicht im Pkw

* Helmpflicht für Motorradfahrer

* Maßnahmen zur Verkehrsumgebung (Sanierung von Kreuzungen, Fahrradwege, Bahnübergänge etc.)

Heute weiß man, dass die Verkehrssicherheit neben den genannten Ursachen vor allem auch von der Verkehrsumgebung abhängt. Deshalb liegt heute hier der Schwerpunkt. Außerdem finden wir seit den 2000-er Jahren an allen wichtigen Straßen die sogenannten „Blechpolizisten“, Blitzgeräte mit teilweise empfindlichen finanziellen Folgen für die Betroffenen.