100 Soziale Innovationen – 4. Sozialpolitik

100 Soziale Innovationen aus Finnland

In diesem, dem vorletzten Beitrag zu 100 soziale Innovationen, geht es um die Sozialpolitik. Finnland ist ein Land, in dem es kaum soziale Konflikte gibt, dank einer klugen, langfristigen Sozialpolitik und auch auf Grund der Tatsache, dass es das Land in Europa ist, in dem es die geringste Einkommensunterschiede gibt

 

 

4. Sozialpolitik

Finnland gehört zu den Ländern mit den geringsten sozialen Unterschieden. Es gibt die Auffassung, dass dies ein andauerndes Erbe aus dem Bürgerkrieg ist, wo nach dem Sieg der weißen Truppen versucht wurde, durch eine anhaltende und relativ kluge Versöhnungspolitik die Gräben in der Bevölkerung (die teilweise heute immer noch existieren) zu beseitigen.

Sozialer Wohnungsbau

Nach dem Krieg gab es vor allem auch durch den Zuzug in die Städte einen akuten Mangel an Wohnraum. In Finnland gibt es traditionell mehr Wohneigentum als Mietwohnungen, und so richteten sich die Anstrengungen von Wohnungsbauprogrammen nach dem Krieg vor allem darauf, auch Menschen mit mittlerem oder geringerem Einkommen in die Lage versetzen zu können, Wohneigentum zu erwerben. Nach dem Krieg war es sehr schwer, Kredite zu bekommen, deshalb wurde 1949 das ARAVA-Programm gegründet. Die Mittel kamen anfangs aus dem Staatshaushalt, wurden dann aber ab den 1960er-Jahren vom Finanzmarkt vergeben. Der Gedanke war, die Bürger zum Sparen anzuregen, in dem sie ihr Vermögen (so vorhanden) in Wohnungseigentum anlegten. Die sollte auch der Stärkung der Volkswirtschaft zugute kommen.

Grundgedanke war, dass ein Kredit zu angemessenen Zinsen notwendig ist, damit die Eigenbelastung der Bürger nicht zu hoch ist und auch Menschen mit mittlerem und geringerem Einkommen in die Lage versetzt würden, sich eine Eigentumswohnung leisten zu können. Der Anteil der Eigentumswohnungen am Wohnungsmarkt stieg schnell auf 70 Prozent, und Hunderttausende finnische Bürger konnten so Eigentum erwerben.

Beim ARAVA ging es nicht nur darum, den Erwerb von Wohnungseigentum zu erleichtern, sondern auch um die Kosten- und Qualitätskontrolle – auf diese Weise entstanden gerade in den 50er und 60-er Jahren Wohnungen, die an architektonischer Modernität und Qualität zukunftsweisend waren.

Die neuen Wohngebiete sollten immer auch eine vielseitige soziale Struktur und Bauweise enthalten. So sollten immer auch unterschiedliche Haustypen gebaut werden, Einfamilienhäuser und Mehrfamilienhäuser mit maximal 4 Stockwerken.

In den 50er und 60er-Jahren entstanden vorzugsweise Eigentumswohnungen. Zu Beginn der 70er-Jahre wurden dann, bedingt durch den gesellschaftlichen Strukturwandel, vermehrt Mietwohnungen gebaut, dabei wurde darauf geachtet, dass in den Baugebieten immer Eigentums- und Mietwohnungen vorhanden waren.

Bemerkenswert war der Einbau von Maßnahmen, die Wohnungsspekulation unterbinden sollten. So durfte eine Wohnung vom Eigentümer grundsätzlich nur an die Kommune oder an einen von der Kommune zugewiesenen Käufer zu einem vorher regulierten Preis verkauft werden. Hier wurde die Änderung des Geldwerts berücksichtigt, aber keine anderen Wertsteigerungen.

Durch dieses Verfahren wurde jegliche Art von Schwarzgeldzahlung unterbunden, und Immobilienspekulation ausgeschlossen

In den Jahren 1949 bis 2005 wurden mit Hilfe des ARAVA-Systems 950.000 Wohnungen gebaut und ca. 250.000 instandgesetzt.. Über 60% der Wohnungen sind im Besitz der Kommunen, der Rest im Besitz verschiedener gemeinnütziger Organisationen.

Keine Slums

Ausländer fragen oft, warum es in Helsinki keine Slums gibt. Zunächst einmal hat dies mit den vergleichsweise geringen Einkommensunterschieden in Finnland zu tun, und mit einem hoch entwickelten Sozialstaat. Aber wirksam war auch die Wohnungsbaupolitik der Stadt Helsinki.

Die Stadt ist Eigentümerin von 70% ihres Gebiets. Somit kann eine bewusste Wohnungsbaupolitik umgesetzt werden.

In den vergangenen 70 Jahren war die Wohnungsbaupolitik sehr sozial ausgerichtet, d.h. man geht davon aus, dass neue Wohngebiete immer Wohnungen für alle sozialen Klassen bereitstellen muss. Reich und Arm wohnen gleichberechtigt nebeneinander, und es gibt keinen qualitativen Unterschied zwischen den Häusern.

Das Prinzip dieser sozialen Mischung kann durchaus als soziale Innovation verstanden werden, eine Ungleichheit aufgrund des Wohnorts kann leicht zu sozialer Ausgrenzung führen, und dem konnte bisher erfolgreich ein Riegel vorgeschoben werden.

Die Y-Stiftung

Die Y-Stiftung leistet konkrete Arbeit zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit. Die 1985 gegründete Stiftung bietet Obdachlosen und Flüchtlingen Wohnungen an. Gründungsstifter sind die Finnische Gesellschaft für Psychiatrie, das Finnische Rote Kreuz, das Amt der Evangelischen Lutherischen Kirche, der Verband der Bauindustrie, die Baugewerkschaft, der Verband der Finnischen Gemeinden, Städte und Regionen, die Städte Helsinki, Espoo, Vantaa, Tampere und Turku, sowie das Alkoholmonopol ALKO.

Die Y-Stiftung kauft in Mehrfamilienhäusern Einzimmerwohnungen an und vermietet sie. Diese Wohnungen sind über die ganze Stadt verteilt. Das zentrale Ziel der Y-Stiftung besteht darin, dauerhafte Wohnungen anstelle von Übergangswohnungen und Wohnheimen anzubieten. So wird auch soziale Segregation verhindert.

Finnland hatte 1987 fast 20.000 Obdachlose. Heute liegt diese Zahl bei ca.

Die Y-Stiftung beteiligt sich an internationalen Netzwerken, zum Beispiel bei Programmen der UN oder der EU.

Betreutes Wohnen

Anfang der 1980er-Jahre zählte Finnland weltweit zu den Ländern mit den meisten Pflegeheimen, ging dann aber konsequent zu einer ambulanten Versorgung über. Zunächst betraf das schwerpunktmäßig die Senioren, die unter 65-jährigen oder Menschen mit Behinderungen gerieten zunächst in Vergessenheit. Sie wohnten größtenteils in schlecht ausgestatteten Wohnheimen.

Ab 1988 bis spätestens1992 wurden die Wohnverhältnisse von Schwerbehinderten verbessert, dies betraf auch weitere Gruppen.

Vom betreten Wohnen profitieren heute im Wesentlichen drei Gruppen:

  1. Etwa 10% der allein lebenden psychisch Kranken kommen nicht ohne Hilfe zurecht.

  1. Einige Tausende Personen konnten aus Heimen entlassen werden und können ein normales Leben zu wesentlich geringeren Kosten führen.

  1. Ca. 70.000 Menschen leben mit betagten Angehörigen zusammen. Viele von ihnen kommen alleine nicht zurecht.

Die menschenwürdige Unterbringung von psychisch Kranken, Alkoholikern, ehemaligen Strafgefangenen und anderen schwierigen Gruppen ist nach wie vor ein Problem und stellt das Land, vor allem die Kommunen, vor große Aufgaben.

Stellung der Roma

Die Roma kamen Ende des 16. Jahrhunderts aus Schweden und Russland nach Finnland. Auch hier wurden sie als fremd empfunden und wurden diskriminiert. Nach dem 1637 in Kraft getretenen Gesetz über die Tötung durch den Strang durften Roma gehängt werden, wenn sie sich der Verbannung widersetzten. Im 17. Jahrhundert kümmerte sich die Kirche um die Roma, begann mit der Registrierung und verbesserte ihre Lebenssituation. Sie sollten getauft und damit besser integriert werden. Alle heimatlosen „Streuner“ wurden in Arbeitslager gesperrt und später in die Strafanstalt nach Hämeenlinna gebracht. Ein um 1900 entstandenes Gesetz empfahl die vollständige Integration de Roma in die Bevölkerung, sie wurden gewissermaßen als Kinder betrachtet, die man erziehen und kontrollieren musste.

Ab 1953 befasste sich der Staat mit der „Zigeunerfrage“. Es gab zunächst ein „Zigeunerkomitee“, später einen Ausschuss für „Zigeunerfragen“ (heute: Beratungsausschuss für Romafragen).

Im Rahmen einer Radikalisierung in den 60er-Jahrenentickelte sich eine Bewegung, die die Diskriminierung der Roma zum Thema machte und für die Roma Partei ergriff. In dem 1967 erschienenen Buch „Pakkoauttaja“ (Zwangshelfer) wurde erstmalig über die Lage der Roma und ihre Diskriminierung öffentlich diskutiert. In der Folge konnten die Roma auch einen eigenen Vertreter für das Beratungskomitee benennen. Die Romafrage schlug sich dann letztlich als Wohnungsfrage nieder, und so war es notwendig, die Wohnverhältnisse der Roma auf den gleichen Stand zu bringen wie den der übrigen Bevölkerung. Dies schlug sich in einem Sonderwohngesetz 1975 nieder, das eine Sonderfinanzierung beinhaltete. Im Sinne einer Verbesserung war dieses Gesetz jedoch nur begrenzt wirksam.

Ein entscheidender Wandel in der Denkweise schlug sich im Bericht des Grundrechtekomitees im Jahr 1992 nieder, und eine Grundrechtereform der finnischen Verfassung trat 1995 in Kraft: Es verbietet jegliche Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Herkunft, Sprache, Glaube, Überzeugung, Meinung, Gesundheit, Behinderung oder eines anderen personenbezogenen Grunds. Dabei bezieht sich Herkunft sowohl auf Rasse als auch Hautfarbe.

Im Gesetz heißt es: „Die Sami als Ureinwohnervolk sowie die Roma und andere Gruppen haben das recht, ihre Sprache und Kultur zu pflegen und weiterzuentwickeln“.

Die Muttersprache wird als besonders wichtig eingeschätzt, so haben Schüler, die Samisch, Romani oder auch Gebärdensprache oder eine andere Sprache sprechen, das Recht, mindestens zwei Unterrichtsstunden pro Woche in ihrer Muttersprache zu erhalten.

Heute genießen die Roma in Finnland alle staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten. Sie sind damit auch im eigenen Selbstverständnis sowohl Finnen als auch Roma. Die meisten von ihnen wohnen in Städten und haben einen festen Wohnsitz. Dennoch sind Bildungsstand und wirtschaftliche und soziale Lage der Roma immer noch schlechter als der Durchschnitt. Und Diskriminierung gibt es immer noch. Es gibt noch viel zu tun.

Warmes und kostenfreies Schulessen

In Finnland bekommen die Schüler aller Schularten täglich ein kostenfreies warmes Mittagessen. Diese Praxis geht auf eine über 100-jährige gesetzliche Regelung zurück.

Damit wird sichergestellt, dass alle Schüler an jedem Schultag eine vollwertige warme Mahlzeit erhalten. Die finnische Schulspeisung ist vielseitig und ausgewogen, und sie berücksichtigt altersgemäße und entwicklungsfördernde Aspekte.

Anders als meist kolportiert ist die finnische Schule keine Ganztagsschule, demnach ist das Mittagessen auch keine notwendig Maßnahme, damit die Kinder den Ganztag überstehen, sondern die Schulspeisung erfolgt aus ausschließlich sozialen und gesundheitlichen Erwägungen. Eine Rolle spielt inzwischen auch die Tatsache, dass zunehmend viele Kinder an Übergewicht leiden. Dies soll bei der Gestaltung der Schulspeisung inzwischen auch eine wichtige Rolle spielen.

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