100 Soziale Innovationen – 2. Bildung

Im letzten Beitrag gingen wir auf das Thema „Gesundheit“ ein.

Hier geht es um den Bereich, mit dem Finnland europa- und weltweit Furore gemacht hat. Es ist das Thema Bildung.

Bemerkenswert ist, dass es sich dabei nicht einfach nur um ein anderes, gerechteres Konzept handelt, sondern auch um eine grundsätzliche andere ethische Leitidee: „Wir können auf keinen verzichten“.

 

 

 

 

 

 

2. Bildung

Die finnische Gemeinschaftsschule

Mehr als einhundert Jahre hatten ihre Bildungsplaner den Traum einer umfassenden und einheitlichen Grundausbildung für einen kompletten Jahrgang, die Voraussetzungen für die Umsetzung ergaben sich erst in den 60er-Jahren: Zum einen erforderte die schnelle Industrialisierung gut ausgebildete Jugendliche, zum andern war es das Gebot gleicher Chancen für alle Jugendlichen.

Mitte der 60er-Jahre konzentrierten die linken Kräfte und Kokoomus (am besten übersetzbar als Sammlungspartei, entspricht am ehesten einer konservativen Partei) ihre politischen Kräfte auf die Realisierung einer einheitlichen Schulbildung. 1968 verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das jedem Kind und Jugendlichen, unabhängig von Wohnort oder Vermögen der Eltern, eine hochwertige neunjährige Schulbildung garantierte. Entscheidend war auch, dass eine gute Grundausbildung als zentrales Menschenrecht erachtet wurde. Eingeschlossen war damals schon, was heute als Inklusion bekannt ist: Die Reform garantierte auch jedem körperlich oder geistig behinderten jungen Menschen das Recht auf Weiterentwicklung. Die Yhteiskoulu (ursprünglich als Koedukationsschule konzipiert, heute am besten übersetzt als Gesamtschule oder Gemeinschaftsschule, im Begriff ist es eine Einheitsschule für alle) wurde so zu einer gemeinsamen Schule für jeden Jahrgang.

In Finnland gibt es keine Privatschulen für die Besserverdienenden, es gibt aber staatlich anerkannte Montessori- und Waldorfschulen auf privater Basis.

Dazu muss man verstehen, warum in Deutschland Inklusion nicht gelingen kann, denn die Voraussetzung für Inklusion ist eben, dass das Schulsystem von Grund auf nicht selektiv und segregativ ist. Das heißt auch, dass, wenn Inklusion in Deutschland gelingen soll, erst einmal ein einheitliches Schulsystem geschaffen werden muss, und zwar mindestens von Klasse 1 bis Klasse 9 oder 10, damit Inklusion überhaupt möglich ist. Segregation und Inklusion sind ein Widerspruch in sich.

Eine logische Folge war eine Reform der Lehrerausbildung. Es sollte überall, auch in dünn besiedelten Gebieten, hochqualifizierte Lehrer zur Verfügung stehen.

Die Gemeinschaftsschule ist heute das Flaggschiff eines hochwertigen Bildungssystems. Dass Finnland das Bildungssystem der DDR übernommen hat, ist eher eine Legende, aber angesichts der hervorragenden Beziehungen zwischen Finnland und der DDR kann es als sicher gelten, dass man sich das dortige Bildungssystem genau angesehen hat, und die frappierende Ähnlichkeit zwischen beiden Schulsystemen kommt von daher nicht von ungefähr.

Kostenfreie Bildung von der Gemeinschaftsschule bis zur Universität

Folgende Punkte charakterisieren das finnische Bildungssystem:

* kostenfreier Unterricht
* das Recht und Verpflichtung eines jeden Kindes und Jugendlichen auf Lernen und
Ausbildung (keine Schulpflicht in unserem Sinne)
* einheitliche Lehrpläne
* dezentrale Verwaltung auf kommunaler Ebene
* hohe Kompetenz der Lehrer
* flexible Ausbildungswege
* Zugang zu hochwertiger Grundausbildung, unabhängig vom Wohnort

Die finnische Gemeinschaftsschule hat allgemeinbildenden Charakter, mit 15 Jahren erfolgt normalerweise der Abschluss. Den Schülern wird der Übergang in die 3-klassige gymnasiale Oberstufe (Lukio) empfohlen, etwa 92% der Schüler entscheiden sich für diese Ausbildung. Denjenigen, die auf diese Möglichkeit verzichten, werden kostenfreie Schulungsalternativen angeboten. Auch das Lukio ist selbstverständlich kostenfrei.

Die berufliche Bildung ist qualitativ hochwertig und kostenfrei. Viele wechseln auch nach dem Lukio in einen beruflichen Bildungsgang: Das Abitur führt nicht wie bei uns „automatisch“ in eine Studium. Studium und Fachhochschulen sind grundsätzlich kostenfrei, Studiengebühren gibt es nicht.

Dezentrales Hochschulwesen

Bis weit in die 20er-Jahre ausschließlich auf den Raum Helsinki begrenzt. 1919 nahmen die schwedischsprachige Åbo Akademi, 1923 die Finnische Universität Turku ihre Arbeit auf. Seit 1959 existiert die Universität Oulu. Ab den 1960er Jahren wurden an vielen Orten Universitäten gegründet, und die Dezentralisierung des finnischen Hochschulwesens war wohl die schnellste und radikalste in Europa.

Wenn in letzter Zeit die „Zersplitterung“ des finnischen Hochschulwesens beklagt wird, dann spiegelt das wohl die engen Bedarfsanalysen der Wirtschaft wider. Es entspricht aber nicht den wirklichen Bedürfnissen der Bevölkerung.

Ausbildungsförderung

Seit 1969 gibt es in Finnland das Studiendarlehen mit Staatsbürgschaft. Ab 1972 gab es auch ein Studiengeld. Dieses Konzept hat sich als nicht so erfolgreich erwiesene und wurde 1977 in ein Wohngeld geändert. 1979 wurde ein finanzieller Zuschuss zum Mensaessen eingeführt., ab 1983 gab es eine Zinsbeihilfe zum Studiendarlehen.

Die letzten Änderungen der Ausbildungsförderung erfolgten 2004 und 2005. Heute kann ein Student eine maximale Förderung von 811 Euro im Monat gewährt bekommen, davon sind 252 Euro Wohngeld, 259 Euro Studiengeld und 300 Euro Darlehen.

Musikschulen und freie Bildungsarbeit

In Finnland wird sehr viel Wert gelegt auf die außerschulische musikalische und künstlerische Bildung, sowie auf die freie Bildungsarbeit. Die Teilnahme an diesen Angeboten wird als Menschenrecht erachtet und hoch subventioniert.

 

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