100 Soziale Innovationen – 1. Gesundheit

Als „Taschenbuch“ angekündigt, entpuppte sich dieses Buch als kleiner „Wälzer“ von fast 400 Seiten.

Wer eine kritische Darstellung Finnlands als Vorreiter in Europa erwartet hatte, mag zunächst enttäuscht sein. Das ganze liest sich zunächst wie ein „Das haben wir alles geschafft“ im Rahmen eines Wahlkampfs. Es wrid alles, wirklich alles aufgeführt, was an sozialen Innovationen nach dem Krieg in Finnland geschaffen worden ist, und vieles, aber nicht alles, ist heute auch bei uns selbstverständlich.

Spannend wird es aber dann doch, wenn die Beteiligten von ihren ganz persönlichen Erfahrungen bei der Vorbereitung und Durchsetzung ihrer Projekte berichten. Und dabei geht es eben nicht nur um das „das haben wir alles gemacht“, sondern um Ideen, Planungen, Widerstände und Erfolge. Ganz wichtig sind auch die persönlichen Motive und Erfahrungen der beteiligten Politiker. Angenehm ist, dass es dabei nicht um Parteipolitik geht, sondern um die Interessen der Menschen, für die und mit denen Politik gemacht wird, und um das Engagement von Politikern und Fachleute, die sinnvolle Konzepte im Interesse aller teilweise gegen massive Widerstände umgesetzt haben. Wir referieren an dieser Stelle Beiträge zu ausgewählten Themen.

 

 

1. Gesundheit

Gesundheitszentren und ähnliche Angebote

Wie bei uns stellt sich in Finnland schon früh die Sicherstellung einer grundlegenden medizinischen und präventiven Versorgung in der Fläche. Heute gibt es 275 kommunale Gesundheitszentren. Die Einwohner haben Anspruch auf unentgeltliche präventive und therapeutische Versorgung. In den Gesundheitszentren arbeiten Allgemeinmediziner, Pflegekräfte, Präventivkräfte, Zahnärzte, Psychologen und andere Fachkräfte zusammen. Außerdem gibt es Bettenstationen, Kurz- und Langzeitpflege.

Das System der Gesundheitszentren wurde 1972 gesetzlich verankert. Jede Gemeinde ist verpflichtet, diese Leistungen zur Verfügung zu stellen. Auf lokaler Ebene sollten Grundversorgung, stationäre Pflege und Behandlung miteinander verbunden werden. Das System wurde von jungen, engagierten Ärzten geplant, die erkannten, dass eine Gesundheitsversorgung vor allem in der Fläche von separaten Privatpraxen nicht sichergestellt werden kann.

Die ersten Zentren wurden als Pilotprojekte schon vor 1972 eingerichtet, und allmählich bildete sich ein Konzept der umfassenden medizinischen Grundversorgung heraus. Dies war vor allem für die Gebiete im Norden und Osten bedeutsam.

Als das Konzept Gesetzesform annehmen sollte, so berichtet Simo Kokko, Entwicklungsleiter des Staatlichen Gesundheitsinstituts, gab es massive Kritik, vor allem der niedergelassenen Ärzte, die sich durch die Konkurrenz behindert sahen. Andere vertraten die Auffassung, sie könnten ihre Tätigkeit nicht als Angestellte einer staatlichen Institution fortführen. Innerhalb der Zentren wurde ein „Hausarztsystem“ eingeführt, und nach wenigen Jahren hatten 75% der Patienten einen „Hausarzt“. Dies führte zu einer Verbesserung, da das System häufig als „unpersönlich“ empfunden wurde. Verbessert wurde auch die telefonische Erreichbarkeit der Zentren.

Kritisch zu sehen ist, dass die Inanspruchnahme der Gesundheitszentren mit langen Wartezeiten verbunden ist, und dass sich neben dem staatlichen System ein System von privaten Anbietern (teilweise mit Rechnungsadressen in Steueroasen) etabliert hat. Das finnische Gesundheitssystem gilt deshalb bei manchen als „sehr schlecht“. Wenn man den Kontrast zu den privaten Anbietern betrachtet (der bekannteste ist Mehiläinen), dann kommt man zu dem Schluss, dass sich das System der Gesundheitszentren bewährt hat, aber dass das staatliche System sehr viel besser ausgestattet werden muss, um mit den privaten Anbietern konkurrieren zu können.

In dem Artikel werden weitere gute Angebote der finnischen Gesundheitsversorgung erwähnt, wie die Stiftung der studentischen Krankenversorgung (YTHS), das Institut für Arbeitsmedizin, ein Projekt der Mütterberatung.

Verkehrssicherheit und Reduzierung der Unfalltoten.

Pekka Tarjanne, Verkehrsminister 1972-1975, berichtet aus seiner ganz persönlichen Erfahrungen – es ist bemerkenswert, dass sein Bericht unter dem Abschnitt „Gesundheit“ auftaucht.

Finnland war noch in den 60er-Jahren „Spitzenreiter“ bei Verkehrstoten und Verletzten, sozusagen „Schwarzes Schaf“ in Europa. Zu jener Zeit starben 1200 Menschen pro Jahr bei Verkehrsunfällen – was zeigt, dass eine dünne Besiedlung nicht unbedingt Verkehrssicherheit hervorbringen muss.

Damals sah man die Hauptursache im schlechten Zustand der Fahrzeuge, übermüdeten und alkoholisierten Fahrern, auch im schlechten Zustand der Straßen. Es musste etwas getan werden! Deshalb wurde 1972 ein Gremium für Verkehrssicherheit gegründet, das drastische Maßnahmen beschloss: Zunächst wurden umfassende straßenbezogene Geschwindigkeitsbeschränkungen eingeführt und gegen massive Widerstände eingeführt. Viel größere Widersprüche gab es gegen die Einführung der Gurtpflicht – zunächst auf den Vordersitzen. Tarjanne wurde wegen seiner „illiberalen Einstellung“ sogar vor den Strafgerichtshof zitiert. Er hatte dann die Idee, die Gegner in Krankenhäusern mit Verkehrsopfern fehlender Sicherheitsgurte zu konfrontieren. Daraufhin wurde das Gesetz mit klarer Mehrheit verabschiedet.

Die Maßnahmen waren:
* Allgemeine Geschwindigkeitsbeschränkungen

* Sicherheitsgurtpflicht im Pkw

* Helmpflicht für Motorradfahrer

* Maßnahmen zur Verkehrsumgebung (Sanierung von Kreuzungen, Fahrradwege, Bahnübergänge etc.)

Heute weiß man, dass die Verkehrssicherheit neben den genannten Ursachen vor allem auch von der Verkehrsumgebung abhängt. Deshalb liegt heute hier der Schwerpunkt. Außerdem finden wir seit den 2000-er Jahren an allen wichtigen Straßen die sogenannten „Blechpolizisten“, Blitzgeräte mit teilweise empfindlichen finanziellen Folgen für die Betroffenen.

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